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Die giftigen und strahlenden Altlasten der Altmark

Hazardous Legacies Of Gas Production In Eastern Germany

Nicht nur das Quecksilber aus der DDR-Erdgasförderung bereitet immer noch Sorgen

Der Artikel erschien am 5. September 2011 im "Strahlentelex", dem Informationsdienst der Deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz

 

Anmerkung des Verfassers (20. Juni 2012): Nach Erscheinen dieses Artikels setzte an einigen der im Artikel gezeigten Orten ein "Aufräumen" ein und viele der strahlenden Tubing-Rohre wurden mittlerweile (hoffentlich fachgerecht) entsorgt. Aber immer noch stehen in der Altmark zahlreiche strahlende Altlasten aus der Zeit der Erdgasproduktion. 

Im Dezember 1968 wurde in Sachsen-Anhalt im Gebiet der Altmark rund um die Stadt Salzwedel und damit unmittelbar an der Grenze zur Bundesrepublik das zweitgrößte Onshore-Erdgasfeld in Europa entdeckt und in den 60er und 70er Jahren mit über 450 Tiefbohrungen systematisch erschlossen. 

 

In Spitzenjahren wurden hier bis zu 13 Mrd. m3 Erdgas gefördert, die bis zur Wende über ein Drittel des Erdgas-Bedarfs der DDR deckten. Doch das Rohgas aus einer Fördertiefe von 3.500 Metern war ein sogenanntes Magergas, das zu 63% aus unverwertbarem Stickstoff und nur zu 36% aus brennbarem Methan bestand. Großes Kopfzerbrechen machten insbesondere die sogenannten „Nebenkomponenten“, hauptsächlich Schwermetalle wie Blei und Quecksilber, aber auch erhebliche Mengen radioaktiver Elemente, hauptsächlich Radium-226 und Radon-222 sowie darüber hinaus Radium-228, Blei-210 und Thorium-228, die im gasbegleitenden sog. „Lagerstättenwasser“ an die Oberfläche gelangten (siehe auch den Artikel „Radioaktive Rückstände bei der Öl- und Gasförderung“ auf S. 7 in Strahlentelex Nr. 562-563 / 2010). 

 

Dass mit dem Erdgas auch heute weiterhin radioaktive Begleitstoffe gefördert werden, wird im Rahmen einer Ortsbegehung deutlich: Das geeichte Ortsdosisleistungsmessgerät (GammaScout) misst als natürliche Hintergrundstrahlung in dieser Region einen relativ konstanten Wert von 0,14 Mikrosievert pro Stunde (Alpha-, Beta- und Gamma-Strahlung). 

 

Die natürliche Hintergrundstrahlung liegt bei 0,14 Mikrosievert pro Stunde.
Die natürliche Hintergrundstrahlung liegt bei 0,14 Mikrosievert pro Stunde.

 

An der Außenseite des Gasrohrs einer noch aktiven Erdgasfördersonde schnellt die Ortsdosisleistung (ODL) in die Höhe von 2,72 Mikrosievert pro Stunde, also das 19fache der natürlichen Hintergrundstrahlung.

 

Das Bild zeigt eine noch aktive Erdgas-Fördersonde, deren Gasableitung (im Vordergrund, dient dem Transport des Rohgases zur Gassammelstelle) nahe am Begrenzungszaun steht.
Das Bild zeigt eine noch aktive Erdgas-Fördersonde, deren Gasableitung (im Vordergrund, dient dem Transport des Rohgases zur Gassammelstelle) nahe am Begrenzungszaun steht.
Direkt am Erdgasrohr, durch das das Rohgas hörbar rauscht, steigt die ODL auf 2,72 Mikrosievert pro Stunde (das 19fache der Hintergrundstrahlung).
Direkt am Erdgasrohr, durch das das Rohgas hörbar rauscht, steigt die ODL auf 2,72 Mikrosievert pro Stunde (das 19fache der Hintergrundstrahlung).

 

Das radioaktiv belastete Rohgas wird von den einzelnen Fördersonden über unterirdische Pipelines zu sogenannten Feldstationen geleitet (hier erfolgt mit Hilfe von Glykolsprühstrecken nur eine erste Trocknung des Gases vom Großteil des Lagerstättenwassers) und von hier per Pipeline zu einer Zentralstation transportiert, in der hauptsächlich mit Aktivkohlefiltern die unerwünschten Begleitstoffe aus dem Erdgas entfernt werden. 

 

Mittlerweile ist das Erdgasvorkommen zum größten Teil erschöpft und der Rückbau zahlreicher Fördereinrichtungen hat begonnen. Doch die verbliebenen Altlasten der Gasförderung strahlen weiterhin still und leise und vor allem unbemerkt in der Altmark vor sich hin. 

 

Viele gebrauchte Förderrohre, in denen sich über die Jahre eine Kruste der Nebenkomponenten einschließlich der radioaktiven Elemente abgelagert hat (Inkrustation), werden weiterhin in unterschiedlichsten Bereichen eingesetzt, ohne der radioaktiven Belastung Rechnung zu tragen. Die sogenannten „Tubinge“ wurden und werden z.B. unkontrolliert als Zaunpfosten zweckentfremdet, zur Uferbefestigung von Flüssen genutzt oder als Baumaterial (z.B. Dachträger) verwendet. 

 

Hier zwei Beispiele für den strahlenden Leichtsinn: 

Für die Uferbefestigung des Flusses Jeetze wurden in der Nähe von Salzwedel einige Tubinge in den Uferbereich gerammt. Die oben offenen Rohre strahlen noch heute mit bis zu 1,93 Mikrosievert pro Stunde, also dem 14fachen der natürlichen Hintergrundstrahlung.

 

Am Ufer des Flusses Jeetze bei Salzwedel wurde ehemaliges Bohrgestänge zur Befestigung des Ufers in den Boden gerammt.
Am Ufer des Flusses Jeetze bei Salzwedel wurde ehemaliges Bohrgestänge zur Befestigung des Ufers in den Boden gerammt.
Im Inneren des Rohres steigt die Ortsdosisleistung schnell auf 1,93 Mikrosievert an (das 14fache der Hintergrundstrahlung).
Im Inneren des Rohres steigt die Ortsdosisleistung schnell auf 1,93 Mikrosievert an (das 14fache der Hintergrundstrahlung).

 

Trauriger Spitzenreiter: In der Nähe von Salzwedel wurden Tubinge als Zaunpfosten neben einem öffentlichen Weg verwendet. An einem dieser Rohre wurden an der Außenseite eine ODL von 1,93 Mikrosievert pro Stunde gemessen, im Inneren des Rohres stieg die ODL sogar auf 17,65 Mikrosievert pro Stunde, das entspricht dem 126fachen der normalen Hintergrundstrahlung! 

 

Blick vom Gelände der ehemaligen Rohgas-Mischstation am Stadtrand von Salzwedel. Die Station wurde 2002 abgebaut, das Gelände "saniert" und Teile des Bohrgestänges als Zaunpfähle genutzt.
Blick vom Gelände der ehemaligen Rohgas-Mischstation am Stadtrand von Salzwedel. Die Station wurde 2002 abgebaut, das Gelände "saniert" und Teile des Bohrgestänges als Zaunpfähle genutzt.
An der Außenseite eines Rohres (es wurden vorher bereits Materialproben genommen) steigt die Ortsdosisleistung bereits auf 1,93 Mikrosievert pro Stunde an (das 13fache der Hintergrundstrahlung).
An der Außenseite eines Rohres (es wurden vorher bereits Materialproben genommen) steigt die Ortsdosisleistung bereits auf 1,93 Mikrosievert pro Stunde an (das 13fache der Hintergrundstrahlung).
Spitzenreiter: Im Innenbereich des Rohres steigt die Ortsdosisleistung spontan auf 17,65 Mikrosievert pro Stunde an (das 126fache der Hintergrundstrahlung).
Spitzenreiter: Im Innenbereich des Rohres steigt die Ortsdosisleistung spontan auf 17,65 Mikrosievert pro Stunde an (das 126fache der Hintergrundstrahlung).


Die nachfolgende Tabelle stellt alle genannten ODL-Werte noch einmal komprimiert dar: 

 

 

Die gebrauchten und zum großen Teil immer noch strahlenden Steigrohre wurden nach einer groben Hochdruckreinigung entweder zum Einschmelzen gebracht (Stichwort: Niedrigstrahlung von recycelten Stählen) oder von der VEB-Abteilung „Tubingwirtschaft“ im Rahmen der sogenannten „Konsumgüterproduktion“ in passender Länge zu Zaunpfählen autogen auseinander geschweißt. 

 

Wo genau die radioaktiv kontaminierten Förderrohre verbaut und verwendet wurden, lässt sich nicht mehr genau ermitteln, weil in den Wirren der Wende zahlreiche Tubinge von Privatpersonen gekauft bzw. „organisiert“ wurden und nach der Wende die strahlenden Rohre immer noch in Unkenntnis ihrer Strahlung als beliebter Baustoff in Dachstühlen, Garagendächern und Gärten verwendet werden. 

 

Auch wenn die Bundesregierung lapidar bestätigt (Bundestagsdrucksache 17/844 vom 24.02.2010), dass es sich bei der weitgehend unkontrollierten Entsorgung der radioaktiven Rückstände aus der Erdöl- und Erdgasförderung in Eigenverantwortung der Förderfirmen um den Normalfall handelt, stellt sich hier erneut die dringende Frage nach einer geordneten Entsorgung solcher ungesicherten und unerkannten Strahlenquellen in der Umwelt.